• Frankfurt, 09 June 2022

„Sustainable-Finance-Beirat anschlussfähig machen“

Seine Berufung in den Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung sorgt für Furore, seine Organisation steht in der Kritik von Umweltschützern: Christian Heller von der Value Balancing Alliance (VBA) erklärt, was er im Beirat erreichen will und warum die vom VBA entwickelte Monetarisierung von Umwelteffekten der richtige Berichterstattungsansatz ist.

 

Die Bundesregierung hat Sie als einen der beiden führenden Köpfe des neuen Sustainable-Finance-Beirats vorgeschlagen. Was möchten Sie in dem Gremium erreichen?

Ich komme aus der Industrie und dem internationalen Netzwerk der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Deshalb sind für mich zwei Punkte wesentlich: Die Sicht der produzierenden Industrie einzubringen sowie die Arbeiten des Sustainable-Finance-Beirats anschlussfähig zu machen an das, was auf internationaler wie auf der EU-Ebene passiert. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir über die aktuelle G7-Präsidentschaft, über die Ambitionen im Koalitionsvertrag zu Sustainable Finance und die Ansiedlung des International Sustainability Standards Board in Frankfurt eine einzigartige Chance haben, Deutschland in Sachen Sustainable Finance zu einer treibenden Kraft zu machen.

Die Umweltorganisationen WWF, Germanwatch und Nabu haben die Value Balancing Alliance kürzlich kritisiert: Ihr Ansatz suggeriere, dass negative Einflüsse wie zum Beispiel Klimazerstörung durch positive Beiträge wie die Zahlung von Managementgehältern kompensiert werden könnten, hieß es da zum Beispiel.

Wir haben und hatten nie die Absicht, über unseren Ansatz positive und negative Aspekte miteinander aufzuaddieren oder das eine mit dem anderen zu kompensieren. Vielmehr wollen wir zu quantitativen Größen wie CO2-Äquivalenten für jeden Indikator die passenden monetären Größen ermitteln. Wir sind ja kein Standardsetzer, der Fokus unserer Arbeit liegt nicht auf der Berichterstattung nach außen. Wir möchten die Wirkungen eines Geschäftsmodells, die immer abhängig sind vom Kontext, in dem sie passieren, verständlich machen und in die Unternehmenssteuerung überführen. Dafür suchen und entwickeln wir Methoden. Es geht uns darum, konsistente und relevante Daten für die interne Entscheidungsfindung zu sammeln. Und Teile dieser Daten, wie bei Finanzdaten, sollen dann auch in die externe Berichterstattung gehen.

Aber welchen Sinn macht es denn, die Schäden monetär auszudrücken, wenn sie nicht aufaddiert oder kompensiert werden sollen?

Die Monetarisierung hat einige Vorteile im Vergleich zu rein quantitativen Größen. Zum einen: Wir kontextualisieren damit Nachhaltigkeitsaspekte. Nehmen Sie das Thema Wasserverbrauch: Derzeit sind Unternehmen dazu angehalten, diesen in Litern zu berichten. Es macht aber einen wesentlichen Unterschied, ob Sie das Wasser in einer Wüste oder aus einem Fluss entnehmen. Über den Monetarisierungsfaktor wird es deutlich, dass Wasserverbrauch in der Wüste schädlicher ist als Wasserverbrauch direkt an einem großen Wasserreservoir.

Ein zweiter wesentlicher Aspekt: Wenn Sie soziale Aspekte wie Arbeitssicherheit oder Umweltaspekte wie CO2-Äquivalente nebeneinanderstellen – was ist dann eigentlich wichtiger? Erst wenn ich dafür eine einheitliche Metrik habe, kann ich genau wissen, wo ich meine Ressourcen hineinstecken muss. Drittens ist Monetarisierung auch eine Schnittstelle zum klassischen finanziellen Rechnungswesen und macht die Bedeutung von Nachhaltigkeitsaspekten gegenüber finanziellen Indikatoren besser greifbar.

Aber damit findet ein Abgleich von zum Beispiel CO2-Ausstoß oder Waldflächenverlust mit Unternehmensgewinn oder Managementgehältern statt. Da liegt doch der Verdacht nahe, dass der Betrachter intuitiv aufaddiert oder der Eindruck entsteht, das eine kompensiere das andere.

Vergleichbarkeit bedeutet erst einmal Transparenz. Und Transparenz bedeutet ja nicht sofort auch Aggregation, die wir ablehnen. Wenn Unternehmen oder andere Stakeholder diese vornehmen, hat das nichts mit unserer Mission zu tun.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass planetare Grenzen nicht berücksichtigt würden und die Methode nicht auf wissenschaftlich fundierten Nachhaltigkeitszielen basiere.

Die planetaren Grenzen liefern einen deutlichen informativen Mehrwert für Unternehmen, auch für eine künftige langfristige Steuerung. Wir sind aber noch nicht so weit, dass wir es wirklich operationalisieren können. Das sehen Sie auch daran, dass von den neun planetaren Grenzen noch nicht alle quantifiziert sind. Zudem gibt es auch unterschiedliche Sichtweisen, wie groß die sicheren Handlungsspielräume sind. Unsere Methodik ist noch nicht fertig, sie wird laufend weiterentwickelt. Und planetare Grenzen oder auch die SDG müssen in Zukunft mit betrachtet werden, sobald sie sich operationalisieren lassen.

Aber bei manchen planetaren Grenzen, insbesondere dem Klima, ist die Wissenschaft schon recht weit, und es gibt relativ ausgeklügelte Ansätze, diese bei der Unternehmenssteuerung zu berücksichtigen.

Wenn wir ein bisschen in die Tiefen der Methodik reingehen, sind Aspekte wie die planetaren Grenzen indirekt abgedeckt über die Monetarisierungskoeffizienten, die wir nutzen: Je näher wir einer Grenze kommen, desto höher sind die monetären Kosten, in die wir einen Schaden übersetzen. Je näher wir an einem Kipppunkt sind, desto teurer wird eine Emission oder eine Verschmutzung. Die Koeffizienten müssen sukzessive aufgebaut werden und werden voraussichtlich in Zukunft auch von unabhänigen Quellen zur Verfügung gestellt. Es gibt ja erste Organisationen, Universitäten und Ämter, die das machen. Sowie eine entsprechende unabhängige Datenbank vorhanden ist, werden wir diese nutzen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Menschenrechte nicht thematisiert würden.

Menschenrechte lassen sich nicht insgesamt in solch ein Konzept einbauen, aber in unserem aktuellen Entwurf haben wir einzelne Menschenrechte abgedeckt. Gesundheit und Entlohnung sind Menschenrechte, die bereits enthalten sind. In der nächsten Version, die in Kürze veröffentlicht wird, sind auch die Themen Zwangsarbeit und Kinderarbeit abgedeckt. Schrittweise werden wir weitere Menschenrechte aufnehmen.

Kritisiert wird auch, dass die Methode nicht zukunftsgerichtet sei, und nur Aussagen über die Vergangenheit zulasse.

Wir haben außer den Methodenpapieren auch ein ganzheitliches Disclosure-Konzept veröffentlicht, in dem zukunftsgerichtete Aussagen über Strategie und Ziele aufgenommen sind. Unternehmen nutzen ja klassischerweise Leistungsdaten aus der Rechnungslegung aus der Vergangenheit – unsere Methodenpapiere, um auf dieser Basis die Zukunft oder Szenarien für die Steuerung zu modellieren – Strategie und Ziele.

Seit Sie Ihr Offenlegungs-Konzept im Herbst veröffentlicht haben, haben die IFRS-Stiftung und die EU eigene Vorstellungen für die Nachhaltigkeitsberichterstattung vorgelegt, letztere die Corporate Sustainability Disclosure Regulation. Welche Rolle spielt Ihr Konzept noch?

Die Standardsetzung für die Berichterstattung, ob das jetzt IFRS ist, ob das die SEC in den USA ist oder ob es Efrag/EU-Kommission über die CSRD, die Offenlegungsverordnung SFDR oder die Taxonomie ist, gibt einzelne Metriken vor, um zu einer Vergleichbarkeit zu führen und Transparenz zu bekommen. Was diese Organisationen nicht vorgeben, ist: Woher beziehe ich die Daten, wie messe ich das genau in dem Unternehmen? Das ist der Bereich, wo wir tätig sind. Methodisch gehen wir dabei über die aktuellen Standards hinaus, bauen aber voll auf diesen auf. Nehmen sie Klimaemissionen: Die Standards verlangen das Offenlegen von CO2-Äquivalenten. Wir nutzen diesen Datenpunkt und leiten daraus die Kosten für die Umwelt und Gesellschaft über das Konzept Social Cost of Carbon ab. Wir entwickeln diese Methoden möglichst praxisnah, so dass Unternehmen sie einführen und in bestehende Systeme integrieren können, und damit konsistente Daten erheben können. In unseren Augen ist es komplementär und wir sind dazu in engem Austausch mit den Standardsetzern. Wir wollen sicherstellen, dass unsere Methoden die Unternehmen befähigen, die Daten für die Berichterstattung zu erheben, die regulatorisch zur Pflicht werden.

Wie findet Ihr Austausch mit den Institutionen statt?

Etwa über Beteiligung an den Konsultationen, die gerade laufen. Zudem über Mandatierungen, die wir in der EU haben. Beim Projekt „Transparent“ geht es um Naturkapital-Accounting und wir sind im Austausch mit Efrag und der EU-Kommission, wie das potenziell in die Standardisierung aufgenommen werden kann. Die Value Balancing Alliance hat sich zudem sehr stark bemüht, das ISSB nach Frankfurt zu holen, wodurch wir in einen engen Austausch gekommen sind.

Bei Ihrem Konzept werden Scope-3-Emissionen nicht berücksichtigt. Die Klimakosten nach Ihrer monetären Methode würden bei vielen Unternehmen deutlich höher ausfallen, wenn diese Emissionen berücksichtigt würden, zum Beispiel bei einem Öl- und Gasversorgungsunternehmen oder bei einem Autohersteller oder Zulieferer.

Wir sind gerade dabei, das zu modellieren, was wir Downstream nennen: Scope 3, die Wertschöpfungskette inklusive der Produktnutzung. Die gesamte Upstream-Lieferkette ist mit unserer Methodik bereits abgedeckt. Zum Downstream wird es im nächsten Methodenpapier erste Ansätze geben. Da geraten wir aber in Herausforderungen hinein, sowohl methodisch als auch vor allem von der Datenseite. Methodisch: Das Öl, das ein Ölkonzern zur Verfügung stellt, landet irgendwann im Tank oder in der Heizung. Wie viel von den Emissionen ordnen Sie diesem Energiekonzern zu? Was ist Mobilität wert im positiven und im negativen Sinne? Wir haben auch eine sehr enge Kooperation mit der Harvard Business School Impact-Weighted Accounts Initiative. Zusammen versuchen wir methodisch in diesen Punkten zu einer Harmonisierung zu kommen.

Gibt es noch etwas, was Sie den Umweltorganisationen antworten möchten?

Wir sind kein Wirtschaftsverband, wir sind ein gemeinnütziger Verein, der seine Arbeit der Öffentlichkeit frei zur Verfügung stellt. Unser Anspruch ist es, die Ergebnisse unserer Arbeit sofort zu veröffentlichen und auch gerne der externen Prüfung und damit auch der Kritik zu unterwerfen. Deswegen publizieren wir auch Zwischenschritte wie unsere Methodenpapiere. Wir sind davon überzeugt, dass Unternehmen über unsere Methoden nachhaltigere Entscheidungen treffen und besser für die laufende Transformation gerüstet sind.

Interview: Friedrich Geiger